Liebe Madame Selene — wir sind seit vier Jahren zusammen, und ich sehe sie noch immer gern lachen. Doch jeden Abend liegt sie neben mir, die Augen am Handy. Ich frage nach ihrem Tag; sie beantwortet eine Nachricht. Ich greife nach ihrer Hand; sie hält den Bildschirm. Als ich einmal etwas sagte, lächelte sie und sagte: noch fünf Minuten — und aus den Minuten wurde der Abend. Ich bin nicht eifersüchtig auf einen Menschen. Ich bin eifersüchtig auf ein leuchtendes Ding, und ich verliere gegen es. Steht in unseren Händen etwas darüber, wohin ihre Aufmerksamkeit gegangen ist — und ob sie zurückkommen kann?
— D., der gegen einen kleinen leuchtenden Mond antrittLieber D. — du hast das leiseste Leiden des modernen Paares benannt. In jeder Tasche steckt nun ein kleiner Mond, und er geht jeden Abend auf. Du bist nicht der Einzige, der gegen ihn verliert; ganze Haushalte sind unter seinem Licht dunkel geworden. Also zuerst: sei beruhigt. Aufmerksamkeit ist eine Gezeit, kein Urteil. Gezeiten laufen ab. Und sie kehren zurück — wenn das Ufer warm ist.
Nun zu den Händen, denn sie haben durchaus etwas zu sagen. Sieh auf ihre Kopflinie. Fällt sie zum Mondbergab, ist ihre ein Geist, der reist — eine Träumerlinie, würde Cheiro sagen, ein Geist, der immer ein wenig anderswo sein muss. Solche Geister wanderten lange vor den Telefonen; der Bildschirm ist einfach das billigste Boot, das je gebaut wurde. Die Linie sagt nicht, dass sie dichverlassen hat. Sie sagt, dass sie fortgeht — und das immer tat, und immer zurückkommt.
Suche dann Merkur — den kleinen Finger und den Berg darunter, die Station des Boten, Herr über Verbindung und schnelle Worte. Hier liegt der bittere Witz unserer Zeit: Das Scrollen ist gefälschter Merkur. Tausend Funken der Berührung, keiner davon warm. Ein Mensch kann sich einen ganzen Abend verbunden fühlen und niemanden berührt haben. Ist ihr Merkurfinger lang und lebendig, hungert sie nach Austausch — und das Handy stillt ihren Hunger mit Bildern von Essen.
Bevor du das Schlimmste fürchtest, lies zwei weitere Dinge, wie Benham es lehrte — nie ein Zeichen allein. Ihr Daumen: Ist er fest und gut angesetzt, steckt Wille in ihr, und eine Frau mit Willen kann jede Gewohnheit wenden, sobald sie es beschließt. Und ihre Herzlinie: Läuft sie tief und klar, steht ihre Beständigkeit nicht infrage — nur ihre Abende.
Tritt also nicht gegen den Bildschirm an, lieber D. Du wirst verlieren, und schlimmer noch, du wirst zum Tadler, und niemand hat je weniger gescrollt, weil er getadelt wurde. Mach lieber das Ufer wärmer. Vereinbart gemeinsam — nicht als ihre Regel, sondern als euer Ritual — eine Stunde, in der die Handys mit dem Gesicht nach unten liegen wie schlafende Katzen. Und an einem der nächsten Abende, statt sie zu bitten, das Handy hinzulegen, bitte sie, ihre Handfläche zu öffnen. Zeichne ihre Linien nach. Lass sie deine nachzeichnen. Die Hand ist der älteste Touchscreen, und sie antwortet nur auf Wärme. Findest du unter dem Scrollen ein Schweigen, das älter ist als jedes Telefon — dann sprich von diesem Schweigen, behutsam, und schäme dich nicht, für dieses Gespräch die Hilfe einer Beratung zu erbitten.
Heute Abend keine Bitte und kein Vorwurf. Lege einfach deine offene Handfläche zwischen euch aufs Bett und warte. Eine angebotene Hand lässt man nur schwer leer — und was ihre Hand als Nächstes tut, wird dir mehr sagen, als ihr Handy es je könnte.
Hast du selbst eine Frage? Schreib an Madame Selene · Briefe werden nur mit Initialen beantwortet. Sieh im Glossar des Handlesens für jeden Begriff von oben nach.